Fotos: Karl Michalski
"Willst Du mitkommen nach Georgien und dort Percussion unterrichten, wird sicher lustig...?"
Richard brauchte gar keine Überzeugungsarbeit zu leisten, er rannte die sprichwörtlichen offenen Türen bei mir ein. Ich war ein paar Monate vorher über die "arte con brio"-Homepage "gestolpert" und hab mir damals schon gedacht, dass das eine feine Sache wäre. Ich unterrichte gerne, genieße es, Menschen unterschiedlicher Kulturen kennenzulernen und ich habe auch die sehr spezielle Atmosphäre, die in den "Dozententeams" herrscht, immer geliebt. Hat etwas von Schulschikurs. Immer ein bisschen Ausnahmezustand, ein bisschen verrückt, viel Spaß, (zu) wenig Schlaf und auch viel Tiefgang. Begegnung pur.
Bald war der Entschluss gefasst, den georgischen Trommlern die Cajon vorzustellen und zu unterrichten. Cajon bedeutet "Kiste" und ist auch genau das- eine Holzbox, in die ein Snareteppich gespannt ist und der man schon nach kurzer Zeit ganz brauchbare Grooves entlocken kann. Wir wollten 6 Instrumente mitnehmen. Sicherheitshalber als Handgepäck, da in Musikerkreisen jede Menge (wahrer) Schauermärchen über den Umgang mit Instrumenten - besonders, wenn sie den Aufkleber "fragile" tragen, die Runde machen. Eine prinzipiell gute Idee, die nur von der minimalen Tatsache getrübt wurde, dass die regulären Handgepäcksregelungen den Transport dieser Dinger in der Kabine absolut verbieten. Aber Richard meinte, erstens hätte er in georgischen Flugzeugen "schon ganz andere Dinge" in der Kabine gesehen und zweitens sei Improvisation in jedem Lebensbereich eine der vorrangigen georgischen Wesensmerkmale. Es werde also schon gehen. Und es ging. Wir und das Gepäck erreichten wohlbehalten Georgien, wurden am Flugplatz abgeholt, in einen VW Transporter gepackt und ab ging's nach Zestafoni, wo wir die ersten 2 Tage unsere Workshops abhalten würden. Wir, das waren übrigens Richard Griesfelder (der Herr Delegationsleiter - eine sehr wesentliche Rolle in einer Kultur wie der Georgischen, weil alles "Offizielle", wie Ansprachen, Toasts, Gebete, etc. mit den Worten: " der Herr Delegationsleiter!" an ihn delegiert werden konnte... ;)), Theresa Bergmair, die mit viel Energie und Ausstrahlung die Sänger und Sängerinnen betreuen würde, Christian "Auge" Augustyn, Gitarrist, Saxofonist und experimentierfreudiger Gourmet, Karl Michalski, ein Fotograf mit der Gabe, die Schönheit des Alltäglichen in seinen Bildern einzufangen. Und ich.
Zestafoni hat uns wohlstandsverwöhnte Mitteleuropäer erstmal ordentlich herausgefordert. Einerseits empfing uns eine Stimmung, die nicht ganz eindeutig zu identifizieren war und andererseits wurden unsere Erwartungen, wie versprochen, in einem Hotel untergebracht zu werden, enttäuscht. Wohl bemerkt, für unsere Gastgeber war es ein an das Gemeindegebäude angeschlossenes "Hotel". Nur die Bilder in unseren Köpfen passten nicht ganz dazu. Relativ bald merkten wir, dass ein problemloses Überleben auch trotz "Hängematten in Bettgestellen", keinem Badezimmer, Wasser im Hof, etc. möglich ist. Mir hat dabei der Gedanke geholfen, dass das, was wir vorfanden, in weiten Teilen der Welt absoluter Luxus wäre, für Unzählige Normalität ist und die Frage, ob etwas "Substandard" ist, doch sehr von der Betrachtungsweise abhängt.
Am nächsten Tag kamen die WorshopteilnehmerInnen. Was sofort auffiel, war eine große Begeisterung und unerwartete Herzlichkeit bei manchen, aber doch auch eine gewisse freundliche Distanz und auch Scheu bei anderen. Grund dafür war sicher auch die Sprachbarriere. Persönlich schade fand ich, dass es beim Essen einen Unterschied gab zwischen denen, die bei Tisch saßen, wie wir, die die Workshops leiteten, die Übersetzerinnen, die Organisatorinnen und Pastoren und den SeminarteilnehmerInnen, die das Essen in Buffetform zu sich nahmen. Ich konnte den Eindruck nie ganz los werden, dass diese Form, das Essen einzunehmen, obwohl natürlich in der georgischen Gastlichkeit begründet, zum Teil auch für die Distanz verantwortlich war. Trotzdem glaube ich, dass die Workshops ein großer Gewinn für die TeilnehmerInnen und uns alle waren und nach einer ausufernden Fotosession, Austausch von E-mail Adressen, Schulterklopfen und Umarmungen, brachen wir am Dienstag Abend nach Tbilisi auf.
Dort angekommen checkten wir im Bibelinstitut ein, um an den drei folgenden Tagen dort zu unterrichten. Nach einem ca. halbstündigen Lobpreis zu Beginn, der mich musikalisch und von der Energie und Ausstrahlung wirklich beeindruckte, gab Richard fundierte Inputs zum Thema "Lobpreis", bei denen er auch heiße Themen wie z.B. Perfektionismus vs. Exzellenz und Vergleichen/ Neid einbrachte. Genug Anregungen jedenfalls, um das eigene (Musiker-)Sein selbstkritisch zu beleuchten.
Der späte Vormittag und Nachmittag war dann für die Workshops reserviert und den späteren Nachmittag und Abend nutzten wir für Stadtbummel und Restaurantbesuche.
Was konnte ich aus Georgien mitnehmen: Zuerst einmal fand ich die Stimmung im Team ganz großartig. Mein Dank geht an Richard, Theresa, Auge und Karl für eine Woche entspanntes Miteinander mit Spaß und Tiefgang. Zweitens: Die Stimmung in meinen Workshops (und ich denke das war allgemein so) war großartig, entspannt, aber konzentriert. Wir haben wirklich was weitergebracht - in meinem Fall auch dank meinen zwei "Lashas", (aus Zestafoni und aus Tiflis), die als Übersetzer fungierten. Drittens: Begegnungen, unterschiedlich intensiv - sie machten ein Land, das ich zuvor nur ungefähr zuordnen und erst im Atlas suchen musste, zumindest ein wenig greifbarer.
Richard spricht immer wieder davon, dass er sich in Georgien verliebt hat. Ich habe mich gefragt, ob das bei mir auch der Fall ist. Ich weiß es nicht. Aber ich würde gerne wieder kommen - ich mag die Menschen, soviel steht schon fest.
(Willi Platzer)
zwei Musikseminare in Tiflis und Kutaisi von 29.5. bis 5.6.
Ziele:
Kosten: ca. 4.500,- (für 4 Dozenten)
Flüge, Verpflegung, Unterbringung, Unterrichtsmaterialien
WIR BRAUCHEN IHRE UNTERSTÜTZUNG!
arte con brio
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Vermerk: "Georgien"
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